Ich blogge, also bin ich? Erfahrungen als Politikblogger

Portrait mit RSS Symbolen

In diesen Tagen wird viel über Blogs und Politik geschrieben. Neben Robert Basic, der über bloggende Politiker berichtet, schrieb der Hamburger Nico Lumma auf seiner Seite einen Beitrag in dem er berichtet, das er seit 2003 jeden Politiker auffordert zu bloggen. Dennoch sind nur wenige Deutsche Politiker mit Blogs im Netz. Warum ist das so?

In den Vereinigten Staaten ist das ganz anders. Die heutigen Blogseiten mit ihrer sogenannten Web 2.0 Technik sind Teil neuer Möglichkeiten im Netz. Barak Obama und Hillary Clinton hatten auf ihren Konten bei Facebook, Twitter, YouTube und Flickr hunderttausende Fans und nutzten diese Plattformen geschickt, um ihre Botschaften an dem Filter der Redaktionen vorbei an das Publikum zu bringen.

Für einen Lokalpolitiker in Hamburg sieht die Sache schon anders aus. Natürlich merke ich, das meine Seite gelesen wird, doch frage ich mich ob ich auch meine eigentliche Zielgruppe erreiche. Das sind die Menschen vor Ort, die oft überhaupt nicht mitbekommen, worüber die Politik gerade diskutiert. Das sind die Menschen, von denen man erfahren möchte, was ihre Themen sind.

Immerhin kann ich über einhundert Veddeler über StudiVZ erreichen, aber die dort vertretene Gruppe bildet ein bestimmtes Klientel wieder. Zudem ist StudiVZ nicht wirklich ein Web 2.0 Werkzeug, weil sich dort keine Verbindungen mit den Programmen außerhalb der Plattform herstellen lassen. Im übrigen tut man gut daran, die Plattform nicht mit Polit-Spam zu überfluten, sondern lediglich als ansprechbar dabei zu sein.

Facebook ist da schon interessanter, ich treffe dort auch eine andere Gruppe Elbinsulaner wieder, aber es sind insgesamt zu wenige.

Bei Twitter erreiche ich meine Zielgruppe nur über den Umweg, die Tweets ober rechts auf der Webseite oder bei Facebook einzublenden. Als Nutzer kenne ich niemanden aus Wilhelmsburg oder von der Veddel, kein Follower wohnt im Wahlkreis. Twitter könnte daher eher ein Werkzeug für die Bundespolitiker oder die Parteizentralen sein, die auch so im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Daher kann die Beschäftigung mit dem Internet und seinen neuen Möglichkeiten immer nur ein Zusatz zu der tatsächlichen Präsents vor Ort sein. Dort, IRL, im richtigen Leben, spielt die eigentliche Musik. Zumal sehr viele Menschen immer noch keinen Zugang zum Internet gefunden haben, und selbst wenn, oft in den einfachsten Anwendungen stecken bleiben.

Machen wir uns doch noch einmal klar, das alleine auf den Elbinseln über 50.000 Menschen leben, von denen die meisten wohl noch nie auf eine lokalpolitische Internetseite geschaut haben. Wahrscheinlich ist es leichter unter ihnen eine Gruppe “1.000 Elbinsulaner, die George Bush nicht mögen” zusammen zu bringen, und es gibt ganz sicher mehr die nach Gina-Lisa und ihrem Video suchen.

Das Internet spielt eine Rolle, um weitere Kontakte zu pflegen, weil man nicht an jedem Ort zugleich sein kann. Und es ist ein zusätzliches Angebot.

Immerhin besteht die Aussicht, das die Bedeutung des Internets weiter zunimmt, und man möchte ja bei der Entwicklung dabei sein, und profitieren. Also, schauen wir mal, wohin die Reise in den nächsten zwanzig Jahren geht.

Ja, so banal ist die Wirklichkeit eines Lokalpolitikers.

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18 Kommentare.

  1. Basic Thinking Blog | Politblogger IV: Hyperlocal vs. WWW - pingback on 22. Juli 2008 um 11:42
  2. Oliver Zeisberger

    Deine Analyse des Nutzens von Weblogs für lokale Politiker teile ich. Ich glaube, dass Weblogs hier eher eine Plattform zur Information über die eigene Arbeit vor Ort, im Parlament oder die eigene Meinung zu bestimmten Themen sind, sozusagen als eine Alternative zu einer klassischen Website.

    Wesentlich interessanter für die Arbeit vor Ort und im Wahlkreis ist aber, wie Web 2.0-Technologien für die Organisation von Politik vor Ort eingesetzt werden kann. Da hinken wir hinter den USA und anderen Ländern weit hinterher! Welche Partei- und Abgeordnetenbüros nutzen schon strukturiert Systeme wie z. B. Central Desktop, worüber Barack Obama seine gesamte Büro- und Volunteerorganisation in allen Bundesstaaten steuert? Welcher Abgeordnete in Deutschland hat schon mal von Wählerbeziehungsmanagement oder CRM (Constituent Relationship Management) gehört, geschweige denn ein solches System im Einsatz? Welche Partei in Deutschland bietet Ihren Mitgliedern und Funktionären entsprechende Technologie über das Netz als Infrastrukturleistungen an, wie früher Umdrucker oder Couvertiermaschinen, die heute in den Kellern der Büros vor sich hinrosten? Gerade lokal kann man die Technologien des Web 2.0 viel besser für eine effiziente Organisation verwenden, als für nur für die nach außen gerichtete Kommunikation und den Dialog, wie Du anhand der von Dir geschilderten Probleme ja augenscheinlich feststellst.

  3. ..Die Couvertiermaschiene im Kurt-Schumacher-Haus rostet nicht vor sich hin, sondert ist das am besten genutzte Stück Mechanik in der Landesparteizentrale.

  4. Oliver Zeisberger

    Das will ich ja gar nicht geringschätzen. Viele lokale SPD-Organisationen – und ich nehme an, es ist in anderen Parteien auch so – haben aber inzwischen wegen geringerer Mitgliederzahlen weniger Geld zur Verfügung und können daher die Druckmaschine nicht mehr so häufig anwerfen und schon allein den Mitgliedern nicht mehr so häufig Post senden, wie das früher vielleicht ging. Vor Jahren wurde die Post der Partei noch von Hand im Ort verteilt – und der Kassierer holte den Mitgliedsbeitrag persönlich ab. Ideal für ein für die Bindung an die Organisation so wichtiges Schwätzchen. Heute gibt’s Lettershops und Abbuchung vom Konto.

    Ein CRM-System habt Ihr im Kurt-Schumacher-Haus noch nicht im Einsatz, oder? Hier mal ein sehr guter Überblick über das Thema: http://www.ipdi.org/uploadedfiles/IPDI-CRMreport-final.pdf

  5. Seit gut einem halben Jahr blogge ich hier für die Nürnberger Zeitung und hatte zunächst vor, lokale Themen aufzugreifen. Zunächst Nürnberg. Dann habe ich ganz Franken “vereinnahmt”. Inzwischen bin ich zunehmend global unterwegs, weil das Lokale im Augenblick leider weder Zugriffe noch Resonanz bringt. Lediglich Themen wie der 1.FC Nürnberg oder Flocke werden wahr genommen.
    In Gesprächen habe ich aber herausgefunden, dass da die soziale Komponente mitspielt. Internet wollen und können sich viele nicht leisten. Wer bloggt landet schnell in der Betuchtenschublade und wird schon deshalb ignoriert. Das dürfte für einen SPD-Politiker ein grüßeres Problem sein, als für einen Unions-Vertreter. Die Unionsklientel wiederum kann sich von ihrem Selbstverständnis her aber kaum vorstellen, politische Streitfragen öffentlich zu diskutieren, und wenn dann tut sie das in ihren parteinahen Foren.

  6. Robert Basic und Klaus Lübke starten eine Diskussion über lokale Politblog und allgemein Lokalblogs und fragen nach Erfahrungen. Ich mache beides und fühle mich deshalb berufen hier was dazu zu schreiben.

    Fange ich mal beim Lokalblog an: Ich schreibe auf einer blog.de-Plattform ein Blog zu meinem Dorf: http://merdingen.blog.de. Angefangen habe ich vor zwei Jahren und zwar ganz heimlich, still und leise und eigentlich eher, weil ich Bloggen mal ausprobieren wollte und nicht den x-ten Privatblog (“Heute habe ich Schnupfen”) basteln wollte. Über Mundpropaganda haben dann mit der Zeit einige Leute das mitbekommen und irgendwie geriet das dann zum Selbstläufer. Mittlerweile habe ich einige Co-Autoren (die aber nicht wirklich viel beitragen) und ich werde im Dorf immer wieder auf meinen Blog angesprochen. Manchmal sogar von Leuten, denen ich noch nichtmal einen Computer zutraue! In Kommentaren wird das nicht sichtbar, denn die meisten sehen das so wie Zeitung lesen: “Ach, mal schauen, was der Prucker wieder verzapft hat.” Das soll mir so recht sein, denn das echte Leben ist mir da viel, viel, viel wichtiger.

    Daneben schreibe ich mit ein paar wenigen Mitstreitern auch ein Blog über unsere politischen Aktivitäten unserer “SPD – Offenen Liste Merdingen” (http://offene-liste-merdingen.de/system-cgi/blog/). Dieses “Blog” habe ich eigentlich so ein bisschen als Ersatz für die Seite “Aktuelles” gesehen und so wird es weitestgehend betrieben. Ich bin mit der Qualität dieses Blog nicht zufrieden, kann aber im Moment dem ganzen nicht mehr Aufmerksamkeit geben. Es ist es mir nicht wert und zwar genau aus den Gründen, die auch Klaus Lübke angibt: Es wird nicht gelesen und die Leute interessieren sich noch nicht mal bei Lokalthemen für das was gerade läuft. Vielleicht. Aber: wir schlachten unser Blog ein bis zweimal im Jahr für eine “Printausgabe” (http://www.offene-liste-merdingen.de/gemeinderatsam.htm) aus, die wir dem Nachrichtenblatt der Gemeinde beilegen lassen. Das Ding sorgt dann regelmäßig für Wirbel obwohl es ja nun wirklich nicht sonderlich aktuell sein kann. So gesehen, rentiert es sich dann wieder, wenn auch eher als Materialsammlung.

    Im Web sind die Leute also ganz anders unterwegs, wie ja auch schon Klaus Lübke richtig festgestellt hat.

  7. Oliver Zeisberger

    Die Erkenntnis aus den Gesprächen, dass es da eine “soziale Komponente” gibt, ist mir recht neu – finde ich aber interessant. Gibt es dazu weiteres Material? Lt. Internet-Strukturdaten (Forschungsgruppe Wahlen, II. Quartal 2008) haben ja um die 66 Prozent der Wählerinnen und Wähler der SPD Internet-Zugang und “nur” 62 Prozent der Wählerinnen und Wähler der CDU sind online. Diese Zahlen geben die “Betuchtenschublade” nicht so richtig wieder. Daher interessieren mich weitergehende Infos.

  8. Gelsenkirchen Blog » Politbloggen auf lokaler Ebene - pingback on 22. Juli 2008 um 16:08
  9. Bloggende Politiker » Beitrag » Tomaschek - pingback on 23. Juli 2008 um 10:03
  10. Ich glaube, ein Problem liegt in dem Wort “Lokalpolitiker”. Denke ich an einen Lokalpolitiker, dann sind das kleine Maßstäbe. Das soll nicht abwertend gemeint sein. Aber ein Lokalpolitiker muss – vermute ich einmal – mehr strampeln, sich mehr persönlich engagieren. Zeit und Geld sind knapper als bei den “großen Brüdern und Schwestern” der Bundespolitik. (Die auch kaum bloggend im Netz vertreten sind.) Wenn also die Rede von Barak Obama und Hillary Clinton ist, denke ich daran, dass diese Herrschaften einen viel größeren Stab hinter sich haben. Ein Stab, der für sie die Arbeit des Bloggens übernimmt. Dadurch wird allerdings das Persönliche herausgeschnitten und man kann solche Präsentationen auch wieder nur als professionelle PR-Schleudern sehen. – Das Wort “Blog” wird zu leichtfertig benutzt. Ich kenne das von Musikbands und -Künstlern. Die haben oft auch einen Punkt “Blog” auf ihrer Seite, aber im Endeffekt schreibt dort selten der Künstler selber sondern eher die Produktionsfirma hinein. Da lobe ich mir doch die Lokalpolitiker, die wirklich selber bloggen! :-D

    Übrigens finde ich sehr schön, dass hier erwähnt wird, dass nicht Jedermann ins Internet kommt und wenn, sich dort nicht jeder mit der Leichtigkeit zurecht findet, wie unsereiner es vermutlich kann. Viel zu oft sind Anbieter von Informationen zu gedankenlos oder zu überheblich, so dass sie annehmen, jeder Mensch hätte Zugang zum Internet und jeder könne den Umgang mit diesem Medium aus dem FF.

    Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass mehr Lokalpolitiker “echt und wahrhaftig” im Internet bloggten.

  11. Hansjörg Schmidt - trackback on 23. Juli 2008 um 11:33
  12. @Oliver Zeisberger Im Kurt-Schumacher-Haus ist ein CRM-System im Einsatz ;-)

  13. Weblog der NRWSPD - pingback on 23. Juli 2008 um 17:09
  14. Politikblogger - ein Überblick at Robin Haseler - pingback on 24. Juli 2008 um 08:31
  15. Politisches Bloggen » Beitrag » WordPress Magazin - pingback on 28. August 2008 um 12:24
  16. Bloggende Politiker: Blogschau (10/I) - pingback on 29. September 2008 um 10:31

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