In Hamburg haben gestern Abend über fünfhundert Helfer die zum Beginn der Sturmflutsaison übliche Katastrophenschutzübung durchgeführt. Im Bereich Wilhelmsburg wurden dabei eklatante Versäumnisse der Einsatzleitung deutlich. In einem Ernstfall hätte das simulierte Schadensbild leicht zu einem fatalem Deichbruch führen können.
Zunächst hatte die Einsatzleitzentrale gleich drei Teams an die Schadenstelle kommandiert, zwei vom THW und die Männer von der Deichwacht. Nur die Sandsäcke waren nicht da, denn die hätten aus dem Sandsackdepot ebenfalls von der Zentrale aus angefordert werden müssen.
Schließlich zog das THW unverrichteter Dinge ab, und die Deichwacht brachte ihre eigene Ausrüstung zum Einsatz.
Als die Sandsäcke endlich eintrafen, waren bereits eineinhalb Stunden vergangen. Nur: Niemand aus der Leitzentrale hatte das Material zur Schadenstelle befohlen, sondern ein Mann von der Deichwacht war zu Fuß in das Depot gegangen. Das war ausnahmsweise möglich, da es sich in der Nähe befand. Ein Zufall, mit dem man im Ernstfall nicht zählen kann.
Merkwürdig erscheint auch die Ausrüstung der Deichwacht zur Ausleuchtung der Schadenstelle. Es handelt sich um vier Halogenstrahler aus dem Baumarkt, einen Generator und gegen Feuchtigkeit nicht gesicherte Kabeltrommeln. In diesen würde es bei Sturm und Regen durch eindringende Nässe schnell zu einem Kurzschluss kommen. Bei Sturmflut ist nicht mit Sonnenschein zu rechnen.
Auch an anderen Ausrüstungsgegenständen wird gespart. So hat die Deichwacht keine Funkgeräte, sondern wird in ihren Bereitstellungsräumen über Festnetz angerufen. Sind die Männer erst einmal unterwegs, können sie von der Einsatzleitung nicht mehr erreicht werden. Mobiltelefone helfen auch nicht weiter, sind doch die Netze im Ernstfall überlastet, wie sich beim Elbehochwasser in Dresden gezeigt hat.
Das ganze Debakel spielte sich unter den Augen der Presse ab, die von der Innenbehörde eingeladen war, und natürlich alles mitbekam. “Im Ernstfall wäre hier wohl nichts mehr zu machen gewesen, der Deich wäre weggespült worden” war der Tenor den man vor Ort vielfach zu hören bekam.
Auch nach dem Ende des Einsatzes ging das Debakel weiter. Die Männer der vom Innensenator Helmut Schmidt gegründeten Organisation sind ehrenamtlich im Zivilschutz tätig. Sie waren zum Teil nach einem langen Arbeitstag direkt zur Übung gefahren, und danach stundenlang im Einsatz. Dennoch ist es der Einsatzleitung nicht gelungen, die Leute mit der versprochenen Erbsensuppe zu versorgen. Für eine Gruppe von freiwilligen Helfern ist das keine motivierende Erfahrung, wenn ihre Leitzentrale bereits eingepackt hat, um sich selbst zu versorgen.
Im Übrigen Stadtgebiet scheint die Übung besser gelaufen zu sein, und immerhin werden diese Manöver angesetzt, um genau diese Schwachstellen zu erkennen und auszumerzen. Bleibt zu hoffen, das die Lehren aus der Nacht beherzigt werden, und die Mängel bist zum Eintritt eines Ernstfalles behoben sind.
Die Männer der Deichwacht errichten in diesem Video eine Quellkade aus Sandsäcken, die bei einem Wasseraustritt auf der Deichinnenseite eingesetzt wird.
Link:
Der alte Mann und der Deich
Bericht des “Spiegel Online” vom 19. Januar 2007 über die Deichwacht Wilhelmsburg


Ich habe mir euer Video von der Nachtübung in Wilhelmsburg angesehen da bei ist mir einiges aufgefallen,
seit wann werden die Sandsäcke von Helfer zu Helfer geworfen und bei einer Übung kein Helm getragen?
Ich selbst habe es in meinen damaligen 10 Jahren anders gelernt und als Gruppenführer weiter gegeben.
Mit freundlichem Gruß
Ein Ehemaliger Helfer
Lieber Torsten Axsen,
vielen Dank für den Kommentar.
Am gleichen Abend habe ich das THW bei einer ähnlichen Übung an der Harburger Chaussee gefilmt, und mir das Dokument jetzt noch einmal angesehen.
Genau wie die Deichwacht Wilhelmsburg tragen die Männer vom THW keine Helme. Und auch sie haben eine Kette gebildet, und geben die Sandsäcke von Hand zu Hand.
Ich gebe zu, ich war nicht beim Katastrophenschutz tätig. Aber sowohl die Deichwacht Wilhelmsburg, als auch das Technische Hilfswerk verhielten sich gleich.
Viel schlimmer finde ich den mangelnden Respekt für den freiwilligen Einsatz und die ehrenamtliche Leistung der Deichwacht. Sie drückt sich in mangelnder Ausrüstung aus, und sie drückt sich in mangelnder Beachtung aus. Dafür ist die Innenbehörde zuständig, und die hat aus meiner Sicht in diesem Punkt eindeutig versagt.